Wölfe zu Weihnachten (1757)

Von Heinrich Hüner

Im Rosebruch, mitten in der Heide, gab es noch Wölfe, viele sogar. Ließen sie sich auch im Sommer und Herbst, wenn ihr Tisch reich gedeckt war, nicht all zu oft sehen - im Winter, sobald ein weißes Laken alles einhüllte, hatte das hungrige Volk wenig zu beißen, und darum bekamen die Menschen um diese Zeit mehr von dem unerwünschten Gesindel zu Gesicht, als ihnen lieb war.

Man schrieb das Jahr 1757, war allerdings schon ziemlich bis ans Ende des selben gekommen, hatte aber herzlich wenig Freude daran. Von manchem Jahr ging mit Recht die Rede: Ende gut, alles gut; doch diesmal war das Ende alles andere als gut.

Den Franzosen hatte man im Lande und wusste ihn fürs erste nicht wieder los zu werden. Dazu kam kurz vor Weihnachten eine Bärenkälte, dass man mit schweren Frachtwagen quer durch das Rosebruch fahren konnte, über alle Gräben, Tümpel und Moorkulen hinweg, ohne ein einziges Mal einzusinken.

Nachts hörte man das Eis krachen, als ob Kanonenschüsse gelöst würden. Ja, wer wusste auch, ob es nicht wirklich solche waren, raunte man doch davon, dass es bei Celle etwas gesetzt haben sollte zwischen den Hannoveranern und den Franzosen. Huh, jetzt bei dieser krachenden Kälte wollte man Krieg führen? Das war doch sonst niemals geschehen.

Nur die Wölfe waren es zufrieden, dass die Menschen aufeinander los gingen; denn dabei fiel zunächst etwas ab für ihren immer leeren Magen, und dann ließ man sie auch mehr in Ruhe.

Das Rosebruch musste dem Dorfe Tewel Holz hergeben für das Feuer auf den offenen Herdstellen im Flett und für die eisernen Öfen in den Dönzen. Man schlug die Bäume im Winter bei Frostwetter, und dazu hatte man seine besonderen Gründe.

Bei klingendem Frost trugen in dem grundlosen Gebiet zunächst alle unsicheren Stellen, und man konnte gehen und fahren, wohin man wollte. Dann aber waren gerade um Weihnachten herum sehr viele Arbeiten verpönt. Es war die Zeit der hilligen Nächte, und zwölf Tage lang durfte man nur gewisse Arbeiten, zu denen aber auch das Holzfällen gehörte, in Angriff nehmen. In diesen Tagen herrschte nämlich der Heljäger in den Lüften, und mit dem mochte man es nicht verderben. Er wollte keine offenen Stalltüren sehen, sonst ließ er ein weißes Tier in den Stall hinein, und man mußte ein ganzes Jahr lang das unheimliche Vieh füttern. Kein Dünger durfte gefahren werden; man sollte nicht Heide zur Streu holen; am besten ließ man sich auf dem Felde gar nicht sehen. Auch im Hause waren gewisse Arbeiten nicht erwünscht; nicht einmal Buchweizen- und Hafergrütze durfte man mahlen, und selbst die Frauen stellten am besten Spinnrad und Haspel und Waschtubben in die Ecke. Hing Wäsche draußen, so gab es bestimmt im nächsten Jahre eine Leiche im Hause.

Was wollte man also im Hause anfangen? Da war es dann schon besser, man zog ins Rosebruch und vollbrachte eine Arbeit, über die sich der Heljäger nicht erzürnte. So hatte man sich denn auch im Jahre 1757 recht frühzeitig entschlossen, dort Bäume und Buschwerk zu hauen. Doch ging man in diesem Jahre nicht einzeln ins Rosebruch, war doch das Wolfspack eben zu unverschämt geworden.

Sogar bei den Schafställen am Rande des Bruchs hatten sich die wilden Bestien sehen lassen, versuchten zwischen den nicht sehr dicht liegenden Feldsteinen des Fundaments ihren abgemagerten Körper hindurch zu zwängen, waren dann aber auf eine mächtige Düngerlage gestoßen, die den ganzen Winter über nicht weggefahren wurde, und so entging ihnen der ersehnte saftige Schnuckenbraten. Ja, es hieß vorsichtig sein, wenn man ins Bruch schritt. -

Zwei junge Knechte kehrten am Tage, der dem Weihnachtsfeste vorherging, sehr frühzeitig aus dem Bruche heim; man wollte doch noch den Christabend feiern. Als sie einen Richtweg einschlugen, der im Sommer nicht gangbar war, trafen sie zu ihrer Überraschung auf zwei sich balgende junge Wölfe, die für einen Augenblick von der Mutter alleingelassen, jede angelernte Sicherung in den Wind geschlagen hatten. Sie mochten sich wohl in unmittelbarer Nähe ihres ständigen Lagers befinden. Die beiden Knechte schlichen, als sie die jungen Wölfe erblickten, vorsichtig näher, und bevor die Tiere ihre Feinde witterten, waren sie von den mit kräftigen Eichhestern bewehrten Männern niedergestreckt.

Den jungen Burschen lachte das Herz im Leibe, als sie die beiden gefällten Tiere vor sich sahen. Diese wenigstens wuchsen nicht mehr zu großen Räubern heran. Aus den dichten Wolfspelzen war aber wohl noch etwas zu machen, und so banden denn die Knechte den Wölfen die Läufe zusammen, und bald baumelten die Tiere an den Eichenknüppeln, die die Männer auf der Schulter trugen.

Unter lustigem Klönen schritten die beiden Burschen dahin. Plötzlich blieb Janhinnerk, der eine der Knechte, stehen: "Wenn nun aber die alte Wölfin wittert, was wir getan haben -! Meinst du, die lässt sich das stillschweigend gefallen?"

Krischandierk sah seinen Weggenossen zweifelnd an: "Ich glaub's kaum. Na, kommt sie allein, dann ist das ja nicht weiter schlimm. Aber wenn sie ihre ganze Verwandtschaft mitbringt -!"

"Und wir haben nichts als unsere Knüppel!"

"Ja, da müssen wir schon munter lospedden!"

Im geschwinden Schritt gings vorwärts, aus dem Rosebruch heraus, und dann über die Feldflur des Dorfes Tewel, die nach den Höfen zu allmählich anstieg.

Die Knechte hatten einen Anberg erreicht und sahen nach dem Bruch zurück. Bewegte sich dort, woher man gekommen, nicht eine Schar Hunde im eiligen Lauf? Trabten sie nicht auf demselben Weg, den die jungen Burschen genommen hatten?

"Die Wölfe!" schrie Janhinnerk.

"Das Pack kommt!" rief auch Krischandierk.

Jetzt hieß es laufen; denn was sollten die jungen Menschen gegen das Rudel der zornigen und vom Hunger gepeinigten Wölfe anfangen!

Der Hof, auf dem die Knechte in Dienst standen, lag zwar am Anfange des Dorfes; aber noch war ein Weg von mehreren Ackerstückslängen vor ihnen, bis sie in den Schutz der Gehöfte kamen. Der Raum zwischen den flüchtenden Menschen und ihren Verfolgern wurde ständig kleiner; doch die Burschen gaben die letzten Kräfte her, wussten sie doch, dass sie um ihr Leben liefen.

Da, der Hofzaun war erreicht. Hinüber über den Stegel! Rasch die paar Schritte bis zum Hause zurückgelegt! Die Blangentür aufgerissen, und hinein ins Haus!

Noch war die Tür nicht wieder ins Schloß gefallen, als schon die alte Wölfin über den Stegel sprang. Einen Augenblick später prallte sie in ihrer Wut gegen die Tür. Um ein Haar wär's den jungen Menschen ans Leben gegangen.

Die Wölfe blieben vor der Tür auf der Lauer und stießen ein langgezogenes Geheul aus, dem die Hunde im Haus antworteten.

Gleich darauf öffnete sich die obere Hälfte der Blangentür; ein Büchsenlauf wurde sichtbar, und ein Feuerstrahl fuhr heraus. Der Bauer hatte die Wölfin aufs Korn genommen, und diese wälzte sich denn auch am Boden. Die anderen Wölfe verließen darauf den Hof und trabten ins Rosebruch zurück, verfolgt von den wütenden Hofhunden, die sich nicht hatten halten lassen. Keiner von ihnen kehrte zum Hofe zurück.

Als die jungen Burschen nach ihrem Lauf ums Lebe wieder zu Atem gekommen waren, erzählten sie haarklein ihre Erlebnisse und wiesen ihre Jagdbeute vor, die sie selbst in der tollsten Hatz nicht im Stich gelassen.

Die Mädchen hatten inzwischen an der pechschwarzen Wand hinter dem offenen Feuerherd im Flett aus weißem Sande den Baum hergestellt, der bei keinem Fest fehlen durfte, hatten auf dem mit kleinen Steinchen gepflasterten Boden des Fletts die Muster gestreut, ebenfalls mit weißem Sande, und nun gings's ans Mahl des heiligen Abends: Braunen Kohl mit Speck und Bregenwurst. Man hatte zwar nicht nötig, schon am heutigen Abend soviel zu essen wie acht Tage später am "Vullbuksabend", wo ein mächtiger Eberkopf mit allem Zubehör an die Reihe kam; aber alle Ehre wurde auch dem heutigen Festmahl angetan.

Nachher zündete man Kerzen an, gezogen aus dem Wachs der Bienen des eigenen Immenzauns; es war doch das Fest der Lichter. Der Bauer wusste zu erzählen, dass man in einigen Gegenden die Lichter an einen grünen Tannenbaum steckte; doch das war hier nicht Gebrauch.

Dann bekam jeder seinen Teller voller Äpfel, Nüsse und brauner Kuchen, und jeder Knecht und jede Magd erhielt einen ganzen Butterkuchen, der aber mitgenommen und ganz nach Belieben verzehrt wurde. Der Teig zu dem braunen Kuchen hatte fast vier Wochen unter der Bank gestanden, und dann formte man aus ihm Kinjes, Pferde, Reiter, Eber und dergleichen Figuren. Die Geschenke waren mit den Dienstboten schon beim Mietsvertrag genau abgemacht und bestanden bei den Knechten aus Strümpfen, Hemden und Arbeitskleidung; bei den Mägden spielten Leinenpacken und Schürzen die wichtigste Rolle. Alles wurde scharf gemustert und geprüft. Die Kinder erfreute man auch mit Handschuhen, Strümpfen und ähnlichen Sachen; doch hatte das kleine Hannchen richtig zwischen seinen Sachen ein kleines Püppchen, das die Mutter verfertigt, entdeckt, und Hans mußte gleich ein kleines Steckenpferd in Betrieb setzen.

Man sang dann noch: "Nun singet und seid froh!" Doch behauptete Minna, die Großmagd, Janhinnerk habe das Singen sicher bei den Wölfen gelernt. (Das Weihnachtsevangelium hörte man am ersten Weihnachtstage in der Kirche.)

Vor dem Zubettgehen trat man noch einmal hinaus und schaute hinauf zu den unzähligen Lichtern des Himmels, die zwischen den Bäumen herunterleuchteten, als bildeten sie selber einen alles erfüllenden Lichterbaum. Voller Friede! Nur hin und wieder hörte man das Geheul der Wölfe im Rosebruch.

Kleines Wörterbuch:

Rosebruch

Tewel
Dönze
Zeit der stillen Nächte
Blangendör
Brauner Kohl
Bregenwurst
Vullbuksabend
Heljäger
Waschtubben
Eichhester
klönen
lospedden
Kinjes
Steckenpferd
(Rodaubruch),Sumpfiges Wiesen- und Waldgelände nordostwärts Visselhövedes
Quellgebiet der Rodau, die in die Wümme fließt.
Dorf am Nordrand des Rosebruchs
"Gute Stube" im Niedersächsischen Bauernhaus
24.Dezember bis 6.Januar
Seitentür am Niedersächsischen Bauernhaus
regionale Bezeichnung für Grünkohl
Heidjer Wurstspezialität
Vollbauchsabend, Essen satt
Phantasiefigur
hölzerne Waschwannen
Eichenholzknüppel
sich unterhalten
lostreten, hier: laufen, rennen
Tannenzapfen (???)
Stecken mit hölzernem Pferdekopf, Kinderspielzeug (reiten)

Zum Seitenanfang


Diese Geschichte haben Josella Simone Playton und Herwig Huener auf einigen vergilbten 'Bladln' gefunden, die dem ebenso vergilbten Buch Die Gilkenheide beilagen. Sie ist seinerzeit abgedruckt worden in


Zurück zur Hauptseite.